EM 2016: Überraschungen, Enttäuschungen und Prognosen

em_pokalRückblick auf die Gruppenspiele und Vorschau auf die Finalphase
von Moritz Ettlinger

36 der insgesamt 51 Partien der diesjährigen Fußball-Europameisterschaft sind bereits absolviert. Oder anders formuliert: Die Gruppenphase ist vorbei, die heiße Phase des Turniers beginnt. Und diese Gruppenphase hatte einiges zu bieten. Wir haben enge Spiele gesehen, wir haben spannende Spiele gesehen, wir haben taktische Meisterleistungen gesehen, nur eines blieb uns Fans bisher verwehrt: viele Tore. Selten war eine Vorrunde eines Fußball-Großereignisses dermaßen torarm wie jene bei der EM 2016 in Frankreich. Mit einem Schnitt von nicht einmal zwei Toren pro Spiel kommt dieses Turnier bis dato bei Weitem nicht an seine Vorgänger heran. Das liegt vor allem an der defensiven Ausrichtung vieler Teams sowie den starken Leistungen von Abwehr und Torleuten, aber auch an den taktischen Ausrichtungen der Trainer. Tatsache ist jedenfalls, dass es dieser EM definitiv nicht an Spannung, sehr wohl aber an zappelnden Netzen fehlt. Doch was ist noch alles passiert in der Gruppenphase des größten europäischen Fußballturniers? Wer blieb hinter den Erwartungen, wer konnte überraschen? Und wo war alles so, wie es vorausgesagt wurde?

Alles anders in der Österreich-Gruppe
Um das (aus heimischer Sicht) Negative gleich hinter uns zu bringen, widmen wir uns zu Beginn der Gruppe F. In der Österreich-Gruppe war am Ende wahrlich nichts so wie erwartet. Ungarn, das eigentlich niemand auf der Rechnung hatte, beendete die Gruppe sensationell auf Platz 1 und zog ohne Niederlage in die Runde der letzten 16 ein. Auch Island trat sehr ambitioniert auf und sicherte sich Platz 2, noch vor den Gruppenfavoriten Portugal und Österreich, die Iberer retteten sich am letzten Spieltag mit dem dritten Remis auf Platz 3. Für Österreich reichte es, leider, nicht für den Einzug in die KO-Phase, mit nur einem Punkt konnte das ÖFB-Team die großen Erwartungen nicht erfüllen und schied sang und klanglos in der Vorrunde aus.
Die Achtelfinal-Partien: Ungarn trifft auf Belgien, Island muss gegen England ran und Portugal spielt gegen Kroatien um den Einzug ins Viertelfinale.

Business as usual in der Gruppe E
In der Gruppe E hingegen blieben die Überraschungen aus. Italien sicherte sich nach einer tollen taktischen Leistung im Auftaktspiel gegen Belgien und einem souveränen 1:0 Erfolg gegen Schweden bereits nach zwei Spielen den Gruppensieg, daran änderte auch die Niederlage in der letzten Partie gegen Irland nichts. Die Iren wiederum qualifizierten sich dank dieses Sieges fürs Achtelfinale, genauso wie die Belgier, die nach anfänglichen Schwierigkeiten gegen Italien ihre Form wiederfanden und die Gruppe punktegleich mit den Azzurri auf Patz 2 beendeten. Österreichs Qualigegner Schweden reichte ein Punkt gegen Irland nicht fürs Weiterkommen, die Truppe um Superstar Zlatan Ibrahimovic muss also schon nach der Vorrunde die Heimreise antreten. Achtelfinale: Italien – Spanien, Belgien – Ungarn und Irland – Frankreich.

Die Spanier nicht vor dem Abend loben
Anders sieht die Sache in der Gruppe D aus. Gruppenfavorit und Titelverteidiger Spanien wähnte sich nach zwei Siegen in den ersten beiden Partien schon als Gruppensieger im Achtelfinale, verlor dann aber das dritte Spiel gegen Kroatien und darf sich nun als Gruppenzweiter auf ein Duell mit Italien freuen. Die Kroaten, die sich in ihrem zweiten Spiel gegen Tschechien nach 2:0-Führung noch mit einem Remis zufriedengeben mussten, gewinnen die Gruppe mit sieben Punkten und treffen nun auf den 3. der Gruppe F, Portugal. Die Türkei scheidet trotz des dritten Platzes und drei Punkten aufgrund der schlechten Tordifferenz aus, genauso wie die Tschechen, die mit nur einem Punkt am Tabellenende landen. In der Runde der letzten 16 trifft Kroatien auf Portugal und Spanien matcht sich, wie schon erwähnt, mit Italien.

Spotted: Nordirlands Fans
irish_fans_merkelGanz ohne Sensation kam auch die Gruppe C nicht aus. Die ersten beiden Plätze gingen zwar wie zu erwarten an Deutschland und Polen, auch wenn die Deutschen den Gruppensieg nur aufgrund der knapp besseren Tordifferenz (beide 7 Punkte) für sich beanspruchen konnten. Platz 3 sicherten sich dann aber überraschend die Nordiren, die mit einem Sieg gegen die Ukraine bei ihrem EM-Debut sensationell in die Runde der letzten 16 einziehen. Die wahren Helden aus Nordirland standen aber nicht auf dem grünen Rasen, sondern etwas abseits davon, genauer gesagt auf den Tribünen. Selbst bei nicht so ansehnlichen Leistungen ihres Teams machten die nordirischen Fans Stimmung, tanzten, sangen, schrien: Alleine aufgrund dieser Fans hat sich Nordirland den Einzug ins Achtelfinale redlich verdient. Abgeschlagen am Tabellenende findet sich dann noch die Ukraine, die sich punkte- und torlos aus Frankreich verabschieden muss.
Gruppensieger Deutschland spielt im Achtelfinale gegen die Slowakei, Polen duelliert sich mit der Schweiz und auf das Überraschungsteam Nordirland wartet Wales.

„Wir haben‘s euch ja gesagt“
Wie von Unsere Zeitung prognostiziert, gab es in der Gruppe B keine großen Überraschungen. Sowohl Wales (1.) als auch England (2.) und die Slowakei (3.) überstanden die Gruppenphase ohne weitere Probleme, wenn auch in dieser Reihenfolge nicht unbedingt so erwartet. Russland hingegen war in einer der stärksten Gruppen dieser EM chancenlos, immerhin bleibt jetzt etwas mehr Vorbereitungszeit für die WM 2018 im eigenen Land.
Die Waliser treffen jetzt im Insel-Duell auf Nordirland, England auf Island und die Slowakei auf Deutschland.

Gruppe A: Die One-Man-Show des Dimitri Payet
Lange Zeit sah es im Auftaktspiel zwischen Frankreich und Rumänien nach einem Fehlstart für die Equipe Tricolore aus. Bis zur 89. Minute stand es 1:1, alles stellte sich schon auf ein Remis ein, doch dann schlug die Stunde von Dimitri Payet. Ursprünglich von Didier Deschamps nicht einmal für den endgültigen Kader gedacht, nahm sich der 28-jährige Newcastle-Legionär ein Herz und jagte die Kugel mit seinem „schwachen“ Fuß ins linke Kreuzeck. Ein neuer Held war geboren. Auch gegen Albanien tat sich der Gastgeber lange schwer, erst in den Minuten 90 und 96 schossen Griezmann und abermals Payet, der überhaupt ein herausragendes Turnier spielt, Frankreich zum 2:0-Sieg und damit ins Achtelfinale. Im letzten Spiel gegen die Schweiz reichte dann ein Unentschieden für den Gruppensieg, die Schweizer belegen gleich dahinter Platz 2. Die stark aufspielenden Albaner schlossen die Gruppenphase auf dem dritten Platz ab, es reichte aber ebenso wie für die viertplatzierten Rumänen nicht für die KO-Phase.
Die Achtelfinalspiele: Frankreich – Irland, Schweiz – Polen.

Sie sehen also, die Gruppenphase hatte einige Überraschungen parat. Ganz so schlimm, wie der ehemalige deutsche Fußballtrainer Hans Meyer einst zu sagen pflegte („Ich kann gar nicht alt genug werden, um alle Überraschungen, die der Fußball so parat hat, verkraften zu können.“), war es dann aber doch nicht.

Und falls Sie noch unentschlossen sind, auf welche Teams Sie in den nächsten Wochen wetten sollen, hier eine kleine Entscheidungshilfe mit den UZ-Tipps für die Finalphase:

UZ_tipps_FinalphaseGrafik: Moritz Ettlinger (Unsere Zeitung); Fotos: EM-Pokal (Quelle: youtube.com); Irland Fans (Duncan Hull, flickr.com; Lizenz: CC BY 2.0); Titelbild: Blick vom Eifelturm (Foto: Sandra Soca Lozano)

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