Das Wetterleuchten der Konzentrationslager

Wie das mit den Konzentrationslager anfing? Sie waren 1933 nicht einfach plötzlich da. Es gab Vorläufer und es gab die Generalprobe in Südwestafrika. – Von Valentin Grünn

Die „Herrenpolitik“ des späteren Nationalsozialismus wurde bereits in den Kolonien eingesetzt und in den ersten „Konzentrationslagern“ in Südwestafrika (Namibia) an den Hereros mörderisch getestet.

Sogar die Protagonisten hören sich gleich an. Da fällt z.B. der Name Göring. Nein, nicht Hermann; es war Ernst Heinrich Göring (manchmal in umgekehrter Nennung der Vornamen); Vater des späteren Reichsmarschall.

Die Vorgeschichte ist schnell erzählt: Als der Sklavenhandel nicht mehr lukrativ war, weil Sklaven mittlerweile als Menschen angesehen wurden, geriet Afrika etwas in Vergessenheit. Man konzentrierte sich eher auf Indien und Fernost. Afrika ging etwas in der Geschichte unter; bis zur Kongo-Konferenz 1884 in Berlin, wo die Interessen in Afrika neu aufgeteilt wurden.

Es ging auch und vor allem um Geschäfte, mit Waffen, mit Schnaps und um den „Export der sozialen Frage“, um ein Ventil für die sozialen Spannungen in Deutschland zu schaffen. Man erhoffte sich schlichtweg, angesichts der Bevölkerungsexplosion und Industrialisierung, das Proletariat, vorindustriell als „Gesellenüberschuss“ bezeichnet, in neuen Ländern loszuwerden.

England, das in Südafrika Sorgen mit den Buren hatte, kam es gerade gelegen, dass sich Deutschland mit einem Handelsposten in Lüderitz an der Haifischbucht als Puffer zum belgischen Kongo hervortat.

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Es gab Kauf- und Schutzverträge mit den einheimischen Stämmen, die nie eingehalten wurden, weshalb die Eingeborenen später auf die Barrikaden gingen.

Mit ausschlaggebend war in Südwest-Afrika auch die Tätigkeit des Ernst Heinrich Göring. Er war kaiserlicher Kommissar im heute Namibia genannten Gebiet, stationiert in Lüderitz. Bismarck wollte zunächst kein Militär senden und ließ das Schutzgebiet vom Kaufmannsstand regieren (das änderte sich später, dann waren es doch Beamte). Göring handelte Schutz- und Konzessionsverträge mit den Stämmen aus und richtete „Schutzgebiete“ für die „Buschmänner“ (so wurden sie in den Verträgen bezeichnet) ein. Göring nannte dies „Schutzmaßnahmen“. Sie dienten jedoch einzig dazu, die Herero und die Nama systematisch zurückzudrängen, zu enteignen und letztlich zu vernichten. Während Göring dort amtierte forcierte er die Germanisierung von Süd-West-Afrika, scheiterte aber am Frauenmangel. So wurde versucht Frauen, oft aus Mecklenburg und Pommern, anzuwerben. Obwohl diesen die Überfahrt bezahlt wurde, wanderten zwischen 1896 und 1902 nur 57 Frauen aus. Zum Zeitpunkt des Herero-Aufstandes war Göring dann aber nicht mehr im Land.

Die Herero und die Nama begannen mit dem Aufstand, dessen Niederschlagung als der erste Völkermord des 19. Jahrhunderts in die Geschichte einging. Wie schwer sich Deutschland damit heute noch tut, ist den meisten bekannt.

Schon die Briten haben zur Jahrhundertwende für die aufständischen Buren in Südafrika „Concentration Camps“ eingerichtet, in den auch Frauen und Kinder interniert wurden; allein aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu den Buren.

Die Deutschen haben es dann den Briten nachgemacht und die aufständischen Herero und Nama ebenfalls interniert, einzig weil sie den Stämmen zugehörig waren; auch Frauen und Kinder.

Adrian Dietrich Lothar von Trotha war Kommandeur der Truppen in Südwestafrika. Er wird zitiert: „Gewalt mit krassem Terrorismus und selbst mit Grausamkeit auszuüben, war und ist meine Politik. Ich vernichte die aufständischen Stämme mit Strömen von Blut und Strömen von Geld.“

Und weil Trotha die rebellierenden Herero militärisch nicht vollständig besiegen konnte, ließ er sie in die Wüste treiben und blockierte die Wasserstellen, sodass sie elendig verdursteten; 25.000 sollen so ums Leben gekommen sein.

Herero in Ketten, circa 1904 (public domain)

Im Dezember 1904 befahl Kaiser Wilhelm II. Trotha, „Konzentrationslager für die einstweilige Unterbringung und Unterhaltung der Reste des Herero-Volkes“ einzurichten. Trotha telegrafierte daraufhin an den Reichskanzler: „Ich beabsichtige, den Gefangenen beider Geschlechter nicht abnehmbare Blechmarken zu applizieren mit den Buchstaben G. H. (Gefangene Hereros).“ Es wurden ihnen Ketten um den Hals geschmiedet an denen die Blechmarken angebracht waren.

So wurden, nach britischem Vorbild, viele der Herero und der Nama in Lagern interniert und weil Bedarf war, zur Zwangsarbeit im Straßen-, Wege- und Eisenbahnbau verpflichtet.

Deutsche Soldaten erhielten Broschüren über den Umgang mit den Eingeborenen: „Für die Behandlung der Eingeborenen ist maßgebend, dass er nicht auf die gleiche Stufe mit dem Weißen gestellt werden darf und als ein noch nicht mündiges Glied der menschlichen Gesellschaft betrachtet werden muss.“

Verschiedene Zeitzeugen, darunter Geistliche, berichten von Feuchte und Kälte in den überfüllten Lagern, systematischer Mangelernährung, Skorbut, und Epidemien von Infektionskrankheiten. In einigen der Lager starben 15, in anderen Lagern 50 Menschen pro Woche. Im Lager der Haifischbucht waren nach 18 Monaten von 2.000 Menschen noch 600 am Leben.

Während der Aufstände wurden die Männer erschossen und die Frauen in Lagern zum sexuellen Missbrauch (so würde man das heute nennen) freigegeben. Sie mussten oft mit Glasscherben das Fleisch von den Schädeln der getöteten Männer kratzen, die dann so gereinigt in die Museen nach Deutschland geschickt wurden.

Rund 9.000 Herero, Männer, Frauen und Kinder saßen im Mai 1905 in Konzentrationslagern. Von den insgesamt rund 15.000 Herero und 2.000 Nama, die zwischen Oktober 1904 und März 1907 interniert waren, starben 7.682. Der Große Generalstab resümierte 1906: „Die Hereros hatten aufgehört, ein selbstständiger Volksstamm zu sein.“

„Eine Kiste mit Hereroschädeln“ für das Pathologische Institut in Berlin (Bild: public domain)

Mit von der Partie war auch der „Rassenkundler“ Eugen Fischer. Er führte damals schon an, dass Vermischung biologisch ungünstig sei und schuf damit eine „biologische“ Begründung des 1905 verfügten Verbots von Mischehen. Er macht ab 1918 Karriere und war einer der wichtigsten Humanbiologen seiner Zeit. Er war Mitautor von „Menschliche Erblichkeitslehre und Rassenhygiene“ (Baur/Fischer/Lenz), in dem die Überlegenheit der „nordischen Rasse“ behauptet und die Notwendigkeit einer eugenischen Bevölkerungsplanung mit Massensterilisationen der „untüchtigen“ Teile der deutschen Bevölkerung gefordert wurde. Er beeinflusste Hitlers Rassenlehre maßgeblich und bezeichnete die Machtübernahme 1933 als „biologisch notwendige Erb- und Rassenpflege“ . An den NS-Rassengesetzen, der Sterilisation von Psychiatrieinsassen, Landstreichern sowie Sinti und Roma hat Fischer, der sein Werk in Südwestafrika erlernt und erprobt hat, maßgeblich mitgewirkt.

Wenn wir nun den Vergleich ziehen, zwischen den Grundlagen und Zuständen in den Internierungslagern in Südwestafrika und den Vernichtungslagern im Dritten Reich, dann werden einige Parallelen deutlich, die später lediglich „perfektioniert“ und im großem Stil angewandt wurden. Da sehen wir Inhaftierungen von Menschen mit gruppenbezogenen Merkmalen, selbst Menschen die per se als ungefährlich angesehen werden konnten, wie Frauen und Kinder; die Entmenschlichung, wir sehen die Zwangsarbeit, die systematische Unterversorgung mit Nahrungsmittel und Gesundheitsvorsorge, das vorsätzliche „sich-nicht-kümmern“ und wie die Menschen daran elendiglich zugrunde gingen. Wir können auch die Kennzeichnung mit „nichtabnehmbaren Blechmarken“ als Vorläufer des Judenstern und der Kennzeichnung anderer Minderheiten wie Sinti und Roma oder Homosexuelle erkennen. Und wir sehen wie Körperteile von getöteten Menschen systematisch für den weiteren „Gebrauch“ weiterverarbeitet wurden.

„Der Völkermord an den Herero ist der erste historische Genozid deutscher Kolonialherren in Afrika. Er ist ein Vorbote für die späteren Ereignisse, die mit dem Holocaust 1939-1945 endeten“, schreibt Herzberger-Fofana.

Aus der heutigen Sicht kann die historische Beurteilung nur zum Schluss kommen, dass die Lager in Südwestafrika die Blaupausen für die späteren Konzentrationslager der Nationalsozialisten gedient haben. Die Herero waren ihre Versuchsobjekte; es war die Generalprobe für den Holocaust.

Hätte man es damals schon erahnen können? Ich weiß es nicht. Die industrielle Vernichtung ganzer Völker war damals jenseits der Vorstellungskraft der meisten Menschen, auch wenn einzelne Protagonisten die Selektion und die Vernichtung von Juden schon einige Jahrzehnte lang propagiert hatten.

Wetterleuchen sind Vorboten eines nahen Gewitters. Heute wissen wir, was diese Gewitter von Faschismus und Rassismus anrichten können. Heute können wir uns nicht darauf zurückziehen, wir hätten nicht wissen können, was passieren kann; denn die Welt hat es bereits erleben müssen.

Lasst uns den Blick heben und am Horizont diese Wetterleuchten rechtzeitig erkennen.

In Afrika, in Europa und im Nahen Osten werden Menschen, auch Frauen und Kinder, allein aufgrund gruppenbezogener Merkmale interniert. Heute sind es Flüchtlinge, sie werden von vielen pauschal als Terroristen verunglimpft und ihrer Rechte vorenthalten. Heute finden in den Lagern in Libyen systematisch willkürliche Erschießungen statt. Menschen in den Lagern in der Türkei werden mit Nahrungsmittel unterversorgt und Menschen in Griechenland und in Ungarn sind faktisch von ihrem Recht auf Stellung eines Asylantrages ausgeschlossen. In Ungarn erhält tatsächlich kaum jemand Asyl und in Griechenland werden sie aufgrund eines zweifelhaften Abkommens reihenweise in die Türkei zurückgeschoben.

Heute wird niemand mehr in die Wüste gejagt; heute würden viele die Menschen im Mittelmeer ertrinken lassen und in Aleppo sterben lassen.

Und wir wissen, dass die AfD Baden-Württemberg schon Pläne für Arbeits- und Internierungslager in der Schublade hat. Asylbewerber sollten in „Communities“ auf ihre Rückkehr vorbereitet werden. „Die Einwohner haben eingeschränkte Grundrechte. Betroffen sind aus dem Grundgesetz unter anderem Artikel 2 (freie Entfaltung) und 3 (Gleichbehandlung) und 11 (Freizügigkeit).“ Fraktionschef Jörg Meuthen nennt es: „Sonderlager mit eingeschränktem Recht auf Freizügigkeit und mit freiwilligen Fortbildungsangeboten“ Die Unverfrorenheit dieser Wortspielerei erinnert an Ernst Heinrich Görings Sprachkreativität in Süd-West-Afrika.

Derweil kümmert sich die AfD Sachsen wohl um das Erbe von Eugen Fischer; um die Kosten von Sterilisationen von minderjährigen Flüchtlingen hat die Fraktion in einer Landtagsanfrage schon nachgefragt.

Das Wetterleuchten ist deutlich, der Donner wird bald zu hören sein und der Sturmregen könnte bald das letzte bisschen Zivilisation in Europa fortschwemmen.

Der Holocaust ist ein einzigartiges Verbrechen, wie es sich bisher in der Weltgeschichte noch nie ereignet hatte. Wir sollten uns deshalb die Aufforderung des Ausschwitz-Überlebenden Max Mannheimer zur Aufgabe geben, der sagte: “Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah. Aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon.”

Titelbild: Surviving Herero, circa 1907 (public domain)

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