Bernhards musikalische Rumpelkammer – August 2017

Sommerloch ade: War der Juli noch sehr arm an Neuerscheinungen, legt der August musikalisch gewaltig nach. Unter den Veröffentlichungen im Hochsommer 2017 waren überraschend veröffentlichte Alben, einige Comeback-Versuche, aber auch Platten, die schon lange angekündigt und mit viel Vorfreude erwartet wurden. Darunter sind einige absolute Highlights aber leider auch einige Enttäuschungen, gerechtfertigte und ungerechtfertigte Hypes, große Namen und Geheimtipps.

TOP 5

  1. The Hirsch Effekt – Eskapist
  2. Der Weg einer Freiheit – Finisterre
  3. Dead Cross – Dead Cross
  4. Action Bronson – Blue Chips 7000
  5. XXXTENTACION – 17

THE HIRSCH EFFEKT färben auf ihrem vierten Album „Eskapist“ ihre Mischung aus Mathcore, Indie, Punk und Hardcore so politisch wie nie. Eine Abrechnung mit Reichsbürger_Innen, vertonter Hass auf AfD-Wähler_Innen und eine drastische Darstellung der Folgen übermäßigem Alkoholkonsums werden in einem Wechselspiel zwischen melancholisch-eingängigen Harmonien und brachialen Riffgewittern dargeboten. Alles andere als leicht zugänglich, stellenweise sogar regelrecht abstoßend, aber in seiner Form unvergleichlich. Ein Jahres-Highlight für alle Fans alternativer, intelligenter und harter Musik.
Anspieltipp: 


DER WEG EINER FREIHEIT haben sich – trotz ihres albernen Bandnamens – zu einer der wichtigsten Institutionen intelligenten deutschsprachigen Black Metals entwickelt. Auf ihrem vierten Album „Finisterre“ gehen sie den logischen nächsten Schritt: An Dark Funeral erinnernde böse Riffs treffen auf unmenschlich präzises und schnelles Schlagzeugspiel, packende Dynamiken und melodische sowie melancholische Melodien. Dabei erschaffen die vier Würzburger einen kohärenten Albumfluss, der nach jedem Durchgang die Finger zurück auf die Repeattaste wandern lässt.
Anspieltipp: 


DEAD CROSS sind der wahrgewordene Traum aller Liebhaber extremer Musik: Mike Patton, Justin Pearson, Dave Lombardo und Mike Crain verbinden Bands wie Slayer, Suicidal Tendencies, Faith No More, Fantomas und The Locust. Das Ergebnis klingt entsprechend wahnsinnig: Über eine Mischung aus Hardcore, Punk und Thrash stottert, schreit, operettet und croont Mike Patton seine patentierten Vokalverrenkungen. Die fette Produktion und die geringe Laufzeit tun ihr Übriges, dass hier keine Langeweile aufkommt – einige doch zu gewollt überfordernde Momente beiseite genommen.
Anspieltipp:


ACTION BRONSON hat sich darauf spezialisiert, Mixtapes zu veröffentlichen – qualitativ stehen diese allerdings kein bisschen seinem bisher einzigen Album „Mr. Wonderful“ nach. Sein neuester Streich „Blue Chips 7000“ knüpft hieran nahtlos an: Bronsolinhos charismatischer, atemloser, bildreicher und humorvoller, derber Rap, soulige Samples, witzige Skits machen auch den neuesten Teil der Blue-Chips-Reihe zu einem großen Spaß. Was seine Skills, sowohl am Mikrophon als auch am Herd, betrifft, macht dem Musiker und Kulinariker aus Queens, New York sowieso kaum jemand etwas vor.
Anspieltipp:


XXXTENTACION legt mit „17“ ein Album vor, dass auch bei Kendrick Lamar große Aufmerksamkeit erregt hat. Die Reise durch den Kopf des depressiven, mit Selbstzweifeln beladenen Musikers geht dabei über elf Lieder in 22 Minuten, die sehr skizzenhaft wirken. Musikalisch wird über minimalistische Beats, Akustikgitarren, Klavier und trappiges Geklacker eine für die Kürze des Albums beeindruckende Bandbreite abgedeckt. Das spiegelt sich auch in den Raps, die sowohl Autotune und Nuscheln als auch das präzise Betonungen beinhaltet. Ein hochemotionales und intensives Stück Musik.
Anspieltipp: 


Außerdem:

BRAND NEW haben ihre Fans lange warten lassen, diverse Ankündigungen des Endes der Band inklusive. Dann war es auf einmal da: „Science Fiction“, das fünfte und letzte Album der vier Musiker aus Merrick. Waren die Vorgänger bereits unterschiedlich ausgeprägte Gefühlsritte zwischen ungestümer Jugend, nachdenklicher Suche nach sich selbst und verzweifeltem Chaos, ist „Science Fiction“ die Ruhe nach dem Sturm. Ohne an textlicher Intensität zu verlieren, reduziert die Band ihren Alternative Rock auf ein absolutes Minimum und erzeugt eine ergreifende, tief bewegende Stimmung.

RAINER MARIA waren lange still – ihr klassischer Emo-Revival-Sound passt allerdings im Licht diverser Reunions von Bands wie American Football und dem Aufkommen spannender Bands aus diesem Genre perfekt ins Jahr 2017. Das selbstbetitelte Comeback-Album setzt dabei ganz auf eine ruhige, fast schon liebliche Stimmung, sodass sich einige Songs doch arg ähneln. Der Gefahr, dass das Album beim Hören ein wenig zur Hintergrundmusik wird, wirkt die Band mit einzelnen fabelhaften Momenten entgegen, die aus der homogenen Masse hervorstechen.

SANNHET spielen instrumentalen Rock und Metal. Auf ihrem dritten Album „So Numb“ bestätigen die drei Musiker aus Brooklyn ihre Qualität in einem quasi toten Genre und liefern auch ohne Texte ein spannendes Narrativ ab, dass die dunklen Seiten mentaler Krankheiten durchspielt. Neben klassischen Laut-leise-Schemata scheut die Band dabei weder vor Doublebass-Passagen, noch vor Twang-Gitarren zurück. Auch wenn die Musik auf „So Numb“ sicherlich nicht innovativ ist, findet hier genau das richtige Mittel zwischen Dynamik, Melodie und Härte statt. Das Ergebnis ist ein mitreißendes Album.

LIMP WRIST veröffentlicht mit „Facades“ ihr zweites Album nach langer Pause. Darauf gibt es klassischen Hardcore-Punk, der keine Gefangen macht und quasi durchgehend direkt auf die 12 geht. Mit ihren queer-politischen Texten steht die Band dafür, nicht kampflos zu bleiben und sich selbst aktiv für Gerechtigkeit einzusetzen. In der Kombination dieser Elemente kreiert die Band ein stimmiges, wütendes Klanggebilde. Leider dämpfen die uninspirierten Ausflüge in nebensächlich wirkendes elektronisches Geplucker der letzten drei Nummern den Hörspaß.

QUEENS OF THE STONE AGE haben ihr neues Album “Villains” von Mark Ronson produzieren lassen. Der Einfluss des unbestreitbar großartigen, aber eigenwilligen Pop-Produzenten macht sich klanglich bemerkbar. Zum einen klingt „Villains“ sauberer, etwas glatter und auch entstaubter als die bisherigen Alben der Band aus Palm Desert. Zum anderen manifestiert sich der Groove der früheren Alben dieses Mal in einer regelrecht funkigen Note. Das würde der Musik gut zu Gesicht stehen – die wabernden 80s-Synthies mögen sich allerdings nicht so recht in den Gesamtsound einfügen.

THE WAR ON DRUGS werden in den Musikmedien seit ihrem ersten Album gefeiert; entsprechend schlägt auch ihr viertes Album „A Deeper Understanding“ bei Kritikern wie eine Bombe ein. Darauf ist gefälliger Indie zu hören, der sich Anleihen aus 80s-Synthie-Pop holt und eine ordentliche Prise Bruce Springsteen verarbeitet. Eingängig, gut produziert und alles andere als schlecht – allerdings auch sehr unspektakulär und leider emotional nicht mitreißend genug dargeboten, um mehr als nur sehr gute Musik zu sein.

THE PROSECUTION spielen Ska-Punk. Entsprechend dominieren auch auf „The Unfollowing“ treibendes Drumming, schnelle, melodische Gitarren und pointierte, mitreißende Bläsersätze. Immer wieder lässt die Band dieses Mal allerdings auch nachdenklicher, indierockige Momente und unverzerrte Gitarren einfließen. Ein weiteres Highlight sind die klar links positionierten, engagierten Texte. Auch wenn Ska-Punk niemals einen Innovationspreis gewinnen wird, überzeugt auch das vierte Album der Band.

Bernhard Landkammer schreibt auch für metal1.info. Dort könnt ihr weitere Rezensionen und teilweise ausführlichere Meinungen zu den hier besprochenen Alben lesen.

Bisher:

Titelbild: Bernhard Landkammer/Unsere Zeitung

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