Familie und Frau aus Sicht der FPÖ

Bei aller Ablehnung des Islam, zumindest des sog. „politischen“, gibt es zwischen den freiheitlichen und den oft angefeindeten muslimischen Mitbürgern eine beachtliche Schnittmenge, und die besteht in der Vorstellung der idealen Familie samt der passenden Stellung der Frau darin. Die FPÖ hat nämlich nicht nur ein Frauenbild, sie begründet es auch ausführlich. Der entscheidende Bezugspunkt ist dabei die Familie und deren erwünschte Leistungen für die Nation. Daraus leiten sich die Pflichten der Beteiligten ab.

Eine Analyse von Herbert Auinger

Teil 1: Die Keimzelle des Staates …

Die Familie als Gemeinschaft von Mann und Frau mit gemeinsamen Kindern ist die natürliche Keimzelle und Klammer für eine funktionierende Gesellschaft und garantiert gemeinsam mit der Solidarität der Generationen unsere Zukunftsfähigkeit.“ (Handbuch freiheitlicher Politik. Ein Leitfaden für Führungsfunktionäre und Mandatsträger der Freiheitlichen Partei Österreichs. Wien 4. Auflage/2013, S. 131)

Bei der Familie geht es aus freiheitlicher Sicht definitiv nicht darum, dass sich die Beteiligten ihr Zusammensein nach ihren Bedürfnissen und Möglichkeiten einrichten. Auch da kann von „Freiheit“ wieder einmal nicht die Rede sein, zumindest nicht im freiheitlichen Weltbild. Denn in der Familie ergänzen sich erstens die Natur, in dem Fall die biologische Möglichkeit in Sachen Fortpflanzung, mit zweitens der auf Liebe gegründeten Bereitschaft der Beteiligten, keineswegs naturgegebene, sondern staatlich definierte Pflichten füreinander zu übernehmen, und das alles fügt sich drittens zu beachtlichen Diensten an der Nation und ihrer Zukunft: Die freiheitliche Familie leistet die Aufzucht der Kinder – im Plural – und die Sorge um die Alten. Da sieht die FPÖ das unpolitische Wirken der Natur in Kombination mit der persönlichen Zuneigung am Werk, vor und jenseits der doch beachtlichen Ansprüche, die das staatliche Recht an Ehen und Lebensgemeinschaften stellt. Die Erfüllung von Aufgaben im Fortpflanzungsdienst und als Sozialisationsinstanz der Nation soll die quasi arteigene und genuin menschliche Entfaltung von Biologie und Liebe darstellen: Eine „natürliche Keimzelle“ für die „funktionierende Gesellschaft“ und die „Zukunftsfähigkeit“. Wie immer gilt: Wenn da tatsächlich die „Natur“ als bestimmende Instanz am Werk wäre, dann wäre ein Zuwiderhandeln unmöglich, und das Bemühen der Partei um die rechte Auffassung von der ordentlichen Familie wäre überflüssig.

Nur ein gleichberechtigtes Miteinander von Frauen und Männern in Österreich sichert eine gedeihliche Zukunft. Dies bedeutet sowohl gleiche Rechte als auch gleiche Pflichten, vor allem aber Chancengleichheit. Zweifelsohne gibt es in unserer Gesellschaft noch immer evidente Benachteiligungen von Frauen. Das politische Bestreben muss es sein, deren Situation zum Besseren zu verändern, nicht aber das geschlechtsspezifische Verhalten durch Beeinflussen, Gängeln und Zwang zu verändern, ja sogar zu unterdrücken.“ (ebd.)

Das „gleichberechtigte Miteinander“ von „Frauen und Männern“ hat seinen Bezugspunkt und seinen Maßstab wieder nicht in den Vorstellungen der Beteiligten, darin, was Frauen und Männer „miteinander“ so vorhaben oder auch nicht, sondern eben in der Funktion der Geschlechter für die „Sicherung der Zukunft“ der Nation. Zu der kann die österreichische Frau womöglich mehr beitragen, als konservative Denker bislang zuzugestehen bereit waren, weswegen auch die FPÖ davon überzeugt ist, dass heutzutage „Gleichberechtigung“ angesagt ist. Bei allem freiheitlichen Verständnis für Beschwerden über Benachteiligungen hat das Bestreben, Diskriminierungen abzubauen, aber eine eindeutige Grenze. Die verläuft dort, wo Benachteiligungen im „geschlechtsspezifischen Verhalten“ verankert sind, denn dieses darf keinesfalls durch „Beeinflussen, Gängeln und Zwang“ verändert werden; und insofern sind gewisse Benachteiligungen auch wieder keine:

Wir Freiheitliche sind der Überzeugung, dass die biologische Determiniertheit von Mann und Frau anzuerkennen ist, grundsätzlich positiv ist und daher durch abstruse Theorien nicht geändert werden kann oder soll. Wir Freiheitliche sind daher ebenso der Überzeugung, dass weder Mutter- noch Vatersein ein Konstrukt oder eine gesellschaftlich oktroyierte Inszenierung sein kann. Man übernimmt nicht eine Mutterrolle, sondern ist Mutter. Man übernimmt nicht eine Vaterrolle, sondern ist Vater. Geschlechteridentität sei, so die Hüter des Gender Mainstreamings, keine biologische Tatsache, sondern das Ergebnis eines aufgezwungenen Lernprogramms. Schon 1949 hat Simone de Beauvoir dogmatisch festgehalten: ‘Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.’“ (ebd. S. 135)

… ist eine ganz natürliche Einrichtung!

Auinger, Herbert: „Die FPÖ – Blaupause der Neuen Rechten in Europa“, Promedia 2017

Da muss die Partei ebenso dogmatisch dagegen- und festhalten, dass Frauen nun einmal Frauen und darum geborene Mütter sind. Der deterministische „Schluss“ von der biologischen Ausstattung der Frau als Naturwesen – sie hat einen Uterus! – auf ihre Rolle in der Gesellschaft, nämlich die Berufung zur Mutter, ist sichtlich kein naturwissenschaftlicher. Da werden zwei sehr verschiedene Welten miteinander verknüpft: eine favorisierte sittliche Pflicht wird mit einer „biologischen Tatsache“ begründet. Mit ihrem Biologie-Lernprogramm möchten die Freiheitlichen Mann und Frau andere „aufgezwungene Lernprogramme“ ersparen und ihnen die Freiheit schenken, das staatliche Interesse an den Funktionen der Geschlechter als unabweisbaren Auftrag der Natur zu interpretieren. Es sei wieder der Hinweis gestattet, dass eine „biologische Determiniertheit“, wenn es denn eine sein sollte, weder positiv noch negativ zu bewerten ist. Bei wirklichen naturbedingten Phänomenen wäre so eine Beurteilung nur lächerlich. Wo es sich bei Geschlechterdifferenzen tatsächlich um „biologische Tatsachen“ handelt, können diese durch „abstruse Theorien“ gar nicht tangiert oder verändert werden.

Nachdem sich im Verhältnis der Geschlechter in den letzten Jahrzehnten doch einiges geändert hat, auch Homosexualität z.B. im gesellschaftlichen Mainstream nicht mehr als behandlungsbedürftige Krankheit gilt, ist die Legende von der biologischen Determiniertheit anders zu lesen: Hier besteht eine Partei kategorisch darauf, dass ihr grundsätzliches Bild von der Familie im Staatsdienst weder diskussions- noch reform- noch kompromissfähig ist. Abweichungen vom Parteibild in Sachen Familie und Frau sind nicht anderen Bedürfnissen geschuldet, womöglich im Rahmen einer pluralistischen Gesellschaft, in der jeder nach seiner Fasson selig werden darf, wenigstens im Privatleben – sondern es sind denaturierte Abweichungen, sind Entartungen, sind quasi nicht nur „ideologische“ Missgeburten. Denn gerade auf diesem Feld tobt der Kampf um nicht weniger als die Existenz des Volkes, das durch die unbefriedigenden Wurfquoten der österreichischen Wurzel-Frau in Kombination mit Migration bedroht ist, was zusammengenommen aus der Sicht der Rechten in den „großen Austausch“ mündet. Wer die Determiniertheit der Frau in Frage stellt, leistet der Zerstörung der familiären „Keimzelle“ Vorschub, und greift damit die Zukunft der Nation an, also diese selbst. Insofern bringt eine irrtümlicherweise als etwas schräg bis extrem gedeutete Position aus der FPÖ das Parteiverständnis haargenau auf den Punkt: Kritik am Frauenbild der Partei (FPÖ-Diktion: der „Gender-Wahnsinn“) ist gleich Zerstörung der Familie ist gleich Zerstörung der Nation, also quasi eine Kriegshandlung:

Gender Mainstreaming zerstöre Familien und sei nichts anderes als die Fortsetzung des Zweiten Weltkrieges mit effektiveren Waffen. Die Chefin der FPÖ Amstetten, Brigitte Kashofer, formulierte bereits 2011, auf der Informationsseite des III. Nationalratspräsidenten in einem Kommentar, diese scharfen Worte.“ (Kurier 18.7.2012)

Von daher stammt die Vehemenz, mit der die FPÖ die Verschwörung des „Gender Mainstreaming“ aufzudecken hat, eine Verschwörung, zu deren Denunziation als „hidden agenda“ sogar der gute alte „Marxismus-Leninismus“ exhumiert wird. Die folgende Philippika bezieht sich auf „Gender Mainstreaming“ als Maxime der EU nach dem Amsterdamer Vertrag von 1999: „Als offizielles Ziel werden die Gleichstellung der Geschlechter und die Herstellung von Geschlechtergerechtigkeit genannt“ – also Ziele, denen sich die FPÖ offiziell auch nicht mehr verweigern mag. Aber inoffiziell und hinter den Kulissen! Da geht die Post ab, und die Partei muss aufdecken, dass da der pure Wille zur „Zerstörung“ am Werk ist:

„‘Gender Mainstreaming’ soll im ‘Top-Down-Prinzip’ durchgepeitscht werden. Das bedeutet, dass auf allen staatlichen und gesellschaftlichen Ebenen alle Entscheidungen einer von der Spitze vorgegebenen Maxime unterworfen werden und einem gänzlich undemokratischen Vorgehen unterliegen. Diese Strategie findet ihren Ursprung im Wesen der marxistisch-leninistischen Kaderpartei, in der die ‘revolutionäre Avantgarde’ (Lenin) die Struktur für den Klassenkampf – hier den Geschlechterkampf – der ‘unbedarften Masse’ vorgibt. Was der Marxismus-Leninismus als Konspiration versteht – also seinen ‘historischen Auftrag’ zu verschleiern, um verdeckt an das ideologische Ziel zu geraten –, betreiben die ‘TheoretikerInnen’ des ‘Gender Mainstreaming’ als ‘hidden agenda’. So soll schlussendlich die Zerstörung der Identitäten – sowohl in gesamtgesellschaftlicher, kultureller Hinsicht als auch auf individuellgeschlechtlicher Ebene – erreicht werden. Das Ziel von ‘Gender Mainstreaming’ ist nichts anderes als die Schaffung des ‘Neuen Menschen’, das sich bereits Marxisten-Leninisten auf die Fahnen geheftet hatten.“ (Handbuch S. 135f.)

Schon an der Durchsetzung einer Maxime von oben nach unten entdeckt die FPÖ in diesem Fall das „Wesen“ des Marxismus-Leninismus und der Kaderpartei, jedenfalls den geschworenen Feind. Ausgerechnet Politiker, die „Führung“ sonst ganz selbstverständlich als ihre Aufgabe und den Titel „Führungsfigur“ als Riesenkompliment ansehen, die autoritative „Vorgaben“ von der „Spitze“ normalerweise als souveränes und keineswegs undemokratisches Staatshandeln schätzen, die entdecken hier sogar an der Durchsetzung „von oben“ – im politischen Alltag ein ganz gewöhnliches Phänomen – ein politisches Verbrechen! Dann „verschleiern“ ausgerechnet die Theoretikerinnen des „Gender Mainstreaming“ auch noch das, was sie unermüdlich ganz offen formulieren, sodass sogar die freiheitliche Partei es entdecken und sich darüber regelmäßig entsetzen muss:

Die ‘IdeologInnen’ der Gender-Theorie behaupten, dass man zu Mann und Frau erst gemacht wird … wonach das Geschlecht eine soziale und kulturelle Konstruktion sei.“ (ebd.)

Gerade die Missachtung der Natur …

Die Kunst, das politisch Erwünschte als die ureigene, gar die „naturgegebene“ Sehnsucht oder Bestimmung der Beteiligten auszugeben bzw. zu fingieren, und deren abweichende Bedürfnisse als Irrtum oder Manipulation oder Schlimmeres zu attackieren, die beherrscht auch eine andere Variante der freiheitlichen Familien- und Geschlechterwissenschaft, samt Konkretisierung der „biologischen Determiniertheit“:

Das Kind braucht die Geborgenheit der Familie. Deren Säulen sind Vater und Mutter als positives männliches und weibliches Leitbild. Beide wurden in diesem Selbstverständnis durch die mutwillige Abtragung der naturgegebenen Rollenbilder zutiefst verunsichert. Ihre Desorientierung führt zu Beziehungen auf Zeit, weil das dem inneren Widerhall entsprechende Bild des jeweiligen Gegenpols nicht vorgefunden wird. Der vom Thron des Familienoberhaupts gestoßene Mann sehnt sich unverändert nach einer Partnerin, die, trotz hipper den-Mädels-gehört-die Welt-Journale, in häuslichen Kategorien zu denken imstande ist, deren Brutpflegetrieb auferlegte Selbstverwirklichungsambitionen überragt. Die von feministischem Dekonstruktionsehrgeiz zur selbstverwirklichungsverpflichteten Geburtsscheinmutter umdefinierte Frau sehnt sich unverändert nach einem ganzen Kerl, der ihr alle die emotionalen und ökonomischen Sicherheiten gibt, die eine junge Mutter braucht, um sich mit weitgehend sorgloser Hingabe dem Nachwuchs zuwenden zu können. Beider Sehnsucht erfüllt sich nicht.“ (Michael Howanietz: Für ein freies Österreich. Souveränität als Zukunftsmodell. Wien 2013. S. 32 Herausgeber: Norbert Hofer)

Eine wie auch immer geartete diskussionswürdige Kritik an der Familie und an der Rollenverteilung nach dem Postulat der FPÖ kann es nicht geben. Es handelt sich also um „mutwillige Abtragung“, um „Desorientierung“, auf keinen Fall um frei gewählte, sondern unbedingt um „auferlegte Selbstverwirklichungsambitionen“ und böswilligen „Dekonstruktionsehrgeiz“, um „umdefinierte Frauen“ etc. usw. Eine klitzekleine Frage stellt sich schon: Wenn der „vom Thron gestoßene ganze Kerl“ ohnehin die Sehnsucht der „jungen Mutter“ nach „emotionalen und ökonomischen Sicherheiten“ erfüllt, nach deren Häuslichkeit er sich komplementär immer schon gesehnt hat, damit er ihr ermöglicht, ihren „Brutpflegetrieb“ auszuleben – warum um Himmels willen finden sich die beiden füreinander Bestimmten nicht? Und warum eröffnet der FPÖ-Parlamentsklub nicht endlich eine Heiratsvermittlungsagentur, damit das Leid ein End’ hat? Vielleicht finden sich die beiden nicht, weil heutzutage noch nicht einmal eine vom Feminismus völlig unbeeindruckte Frau das Märchen von der „weitgehend sorglosen (sic!) Hingabe“ glauben kann, die ihr „ihr“ Märchenprinz durch „ökonomische und emotionale Sicherheit“ spendiert. – Es sei denn, der „Kerl“ ist zufällig von Beruf Oligarch und unterschreibt einen wasserdichten Ehevertrag zugunsten der Brutpflegerin. Die Biologie bietet eben die bloße Möglichkeit zur Fortpflanzung, sie hat nicht die diesbezügliche Notwendigkeit einbeschrieben. Beim heutigen Stand der Verhütungsmittel schon gleich. Auch für das, was nach der Geburt kommt in Sachen Kinderbetreuung, da schreibt die Biologie den allfälligen Beteiligten nichts vor, den „Brutpflegetrieb“ können die freiheitlichen Naturkundler vielleicht bei dem einen oder anderen Viehzeug beobachten, aber Menschen sind halt keine Kaiserpinguine. Doch in jener anderen freiheitlichen Welt irgendwie schon:

Das Mädchen muß in einer Welt bestehen, die von Männern konzipiert wurde und männliche Lösungskompetenz braucht, um in ihr zu reüssieren. Der Junge kommt aus pastellrosa gefärbten Erziehungsbetrieben und hat, zwischen Innenausrichtung, Passivität und Problemlösung durch Sitzkreis und Kuschelkurs, nie gelernt, maskuline Prinzipien wie Abgrenzung, Außenausrichtung oder Durchsetzung zu artikulieren. Als Ventil, dies doch zu tun, bleiben ihm oftmals nur gruppendynamische Aufarbeitungsprozesse, die sich in mißverständlich für besonders männlich erachteten Ersatzhandlungen wie etwa Gewalttätigkeiten entfalten. Das betrogene Ich, ob es um seine weibliche oder männliche Seite gebracht wurde, holt sich zurück, was ihm gesellschaftliche Ab-Normen genommen haben. Es rächt sich im schlimmsten Fall, der jeweiligen Fehlpolung gemäß, durch Frauen- oder Männerhaß, durch Kindesmißhandlung oder ein generell amoklaufendes Aggressionsverhalten. Die Vorbeter der Pseudofreiheitsideologie, die sich hinter den sogenannten Gender-Aktivitäten verbirgt, verkünden, man tue Kindern Gewalt an, ‘zwinge’ man sie zur Entfaltung ihres Wesens gemäß ihres biologischen Geschlechts. Vermutlich stehen diese Zerstörungsprediger auch auf dem Standpunkt, die Natur tue uns Gewalt an, indem sie uns, im Normalfall, mit zehn Fingern und zehn Zehen in die Welt schickt. Man kann sich auch über die Ausstattung mit Herz und Rückgrat beschweren, das anatomisch aber selbst manche aalglatten Manager und Politiker benötigen, die in ihrem Handeln offenbar ohne beides auskommen. Will der Mensch überleben, muß er sich fortpflanzen. Dazu hat Mutter Natur Menschen zweierlei Geschlechts geschaffen. Es tut also niemand einem Kind Gewalt an, der den Buben Burschen und das Mädchen Mädel sein läßt. Es verwüstet aber Kinderseelen, der einem Kind das naturgefügte Geschlecht abtrainieren will.“ (ebd. S. 113f)

… beweist das Naturgesetz!

Die Ableitung der erwünschten Geschlechterrollen aus der Natur noch einmal in den Einzelheiten: Die Fortpflanzung ist „dem Menschen“, also im Prinzip jedem, von der Natur auferlegt, indem es doch zwei verschiedene Geschlechter gibt! Die Natur, als „aparte Person“ vorgestellt, hat sich viel dabei gedacht, und deswegen den Menschen nicht nur Zehen, Finger und ein Herz mitgegeben, sondern mit den zwei Geschlechtern gleich Aufträge erteilt, an denen es genauso wenig zu rütteln und zu deuteln gibt, wie an der erwähnten organischen Ausstattung. Die Erinnerung an die „zehn Finger“ hätte den Autor übrigens theoretisch echt weiterbringen können – die schreiben dem Menschen, der an ihnen hängt, auch nicht vor, was er mit ihnen macht!

Das speziell abgründige an der obigen „Beweisführung“ besteht darin, dass die aufgelisteten Varianten der vollständigen Abwesenheit des angeblich natur- und artgerechten Verhaltens als Beweise herhalten müssen – als Beweise für das Gegenteil, nämlich für die Geltung der vermissten freiheitlichen Pseudo-Naturgesetze: Nichts ist in Ordnung im Verhältnis der Geschlechter, überall Abweichung und Fehlverhalten – „Gewalttätigkeiten, Frauen- oder Männerhaß, Kindesmißhandlung, ein generell amoklaufendes Aggressionsverhalten“ usw. –, und gerade dadurch soll die unbezweifelbare Geltung der von der Natur selbst erlassenen Ordnung zwingend belegt sein! Da meldet sich die frustrierte Sehnsucht nach einem Verhalten, das wie beim lieben Vieh im Grunde genommen per Instinkt festgelegt ist – aber leider nur, wenn sich die Beteiligten auch danach richten! Wenn der Buben-Bursch wie das Mädchen-Mädel auf die Natur hören würden und dadurch wüssten, was sie zu tun hätten, dann könnten sie gar nicht an ihren Rollen zweifeln, dann könnten sie dabei nicht skeptisch oder gar unzufrieden werden, dann würden sie einfach ihren Teil erledigen und sich auch noch gut fühlen, in der Beherzigung dessen, was ohnehin gilt, weil es nun mal so ist. Die Vorspiegelung einer – natürlich falschen – Freiheit in der individuellen Lebensgestaltung, die These, wenigstens im Privatleben kämen die Individuen und ihre Bedürfnisse zum Zug, die kann also nur zur Verfehlung dessen führen, was die Natur so weise – und offenbar so ohnmächtig – im Interesse der Nation angeordnet hat. Quod erat demonstrandum.

Andererseits gibt es sie ja, die ideale Familie, die dem freiheitlichen Familienbild gerecht wird, aber dann doch nicht ganz. Wo jedenfalls „Mann und Frau mit gemeinsamen Kindern“ im Plural zusammenleben, und wo die Biologie und ihre angeblichen Vorgaben noch respektiert werden, indem der ganze Kerl am „Thron des Familienoberhauptes“ hockt und die von ihm persönlich abhängige Frau ihren „Brutpflegetrieb“ auslebt. Die Ablehnung homosexueller Partnerschaften – die FPÖ ist gegen die Homo-Ehe – soll in dem Umfeld auch weit verbreitet sein. Dummerweise versagt diese idealtypische Familie – mit Migrationshintergrund, leider! – vor der wahren Aufgabe der Keimzelle des österreichischen Staates, nämlich vor dem Fortpflanzungsdienst an der österreichischen Wurzel-Nation. Die leidige Rassenfrage bricht auf, also die Gefahr der „Umvolkung“ bzw. des „großen Austauschs“ der Bevölkerung!

 

Herbert Auinger, geboren 1954 in Gmunden/Oberösterreich, studierte Raumplanung an der Technischen Universität Wien sowie Politikwissenschaften am Institut für Höhere Studien. Er ist als Print- und Hörfunkjournalist tätig. Im Promedia Verlag erschien von ihm im Jahr 2000 „Haider. Nachrede auf einen bürgerlichen Politiker“ und im Jahr 2017 „Die FPÖ – Blaupause der Neuen Rechten in Europa“.

Titelbild: Holtwick, Kinderreiche Familie, 1948 (Bundesarchiv, Bild 194-0078-31 / Lachmann, Hans / Lizenz: CC-BY-SA 3.0)

Teil 2: Fanatiker der staatlichen „Keimzelle“

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