Frauen* trotzen dem männlichen Blick auf die Geschichte Sonntag ist Büchertag von Alexander Stoff

Cover „History vs. Women“ (New York, 2018)

Das Buch History vs. Women von Anita Sarkeesian und Ebony Adams sammelt 25 Lebensgeschichten von Frauen*, die Großartiges geschafft haben, aber im kollektiven Bewusstsein unserer Gesellschaft überwiegend nicht vorkommen. Zu ihnen gehören draufgängerische Rebellinnen, aufschlussreiche Forscherinnen, ruhelose Künstlerinnen, unaufhaltsame Amazonen und sogar skrupellose Schurkinnen – so jedenfalls heißen die Kapitel im Buch. Dass diese Frauen* in den großen Erzählungen und in der herrschenden Geschichtsschreibung weitgehend unsichtbar gemacht werden –darauf weist auch der Untertitel des Werkes: „Die trotzigen Leben, von denen sie nicht wollen, dass ihr davon wisst“. Über ihr Buch sagen die Autorinnen, dass es darauf abzielt, „das Leben und die Leistungen von faszinierenden Frauen* auf der ganzen Welt zu erforschen, die den kulturellen Erwartungen und dem sozialen Druck trotzten, der ihren Ehrgeiz zu beschränken und sie aus den Geschichtsbüchern zu löschen versuchte.“

Zum Beispiel Ida B. Wells. Als afroamerikanische Sklavin in Mississippi auf die Welt gekommen, kümmert sie sich nach dem Tod der Eltern schon in jungen Jahren um ihre Geschwister und sorgt als Lehrerin für ein Einkommen. Während sie die Universität besucht, besteigt sie mit 21 Jahren eines Tages im Jahr 1883 einen Zug nach Memphis und nimmt in der ersten Klasse Platz. Als man ihr mitteilt, dass Afroamerikaner*innen nur in den Wagons der zweiten Klasse mitfahren dürfen, wehrt sie sich mit Bissen gegen ihre gewaltsame Verdrängung. Und Ida B. Wells verklagt das Eisenbahnunternehmen wegen Diskriminierung. Auch durch ihre journalistische Arbeit bringt sie die Themen Rassismus und Diskriminierung auf den Tisch. 1892 wird ihr Freund Thomas Moss neben zwei anderen Afroamerikanern von einem rassistischen Mob in Memphis ermordet. Für Wells eine einschneidende Erfahrung, die sie dazu veranlasst, in der Zeitung, die sie mit herausgibt, gegen das Grauen der Lynchmorde ihre Stimme zu erheben, denen auch Jahre nach dem Ende des Bürgerkrieges viele Afroamerikaner*innen zum Opfer fallen. Ida B. Wells argumentiert, dass Lynchmorde ein Mittel sind, mit dem Weiße im Süden der USA ihre Machtposition verteidigen. Ihre Artikel beeinflussen den gesellschaftlichen Diskurs rund um das Lynchen und ziehen auch Todesdrohungen gegen Wells nach sich. Doch sie lässt sich davon nicht einschüchtern und setzt ihr Engagement fort. Ihre investigativen Berichte und öffentlichen Reden führen Wells auch nach Großbritannien und heben die Kampagne gegen Lynchmorde auf eine internationale Ebene. Ida B. Wells gerät in Konflikt mit der von ihr unterstützten Suffragettinnen-Bewegung, in der nicht alle den Kampf gegen Rassismus als Priorität sehen, während zugleich Frauen*rechte von manchen in der afroamerikanischen Community mitunter hinten angestellt werden.

Oder Ana de Urinza und Eustaquia de Sonza. Sie lebten im 17. Jahrhundertin derperuanischen Silberstadt Potosí. Während Ana de Urinza in den Straßen aufwächst und um ihr tägliches Durchkommen kämpft, wird Eustaquia de Sonza in einem wohlhabenden Umfeld groß. Die beiden haben sehr unterschiedliche Charaktere. Eustaquias Vater adoptiert Ana, damit die Freundinnen einander näher sind. Die Mädchen sind fasziniert vom Fechtkampf ihres Bruders und trainieren bald selbst diese Kunst bei einem Lehrer. Weil sie das Abenteuer suchen, verkleiden sie sich in der Nacht als Männer* und schleichen sich heimlich in die Stadt um zu trinken, sich beim Glücksspiel zu vergnügen und zu kämpfen. Am Morgen schlüpfen sie wieder in ihre Kleider und gehen ihren Beschäftigungen nach. Ana und Eustaquia haben bald einen Ruf als Verteidigerinnen der Marginalisierten und Verletzlichen unter den Bewohner*innen von Potosí, für die sie Rücken an Rücken mit ihren Schwertern kämpfen. Eines Tages fliegt ihre Tarnung auf und bald werden sie als die tapferen Frauen* von Potosí bekannt. Nach dem Tod des Vaters übernehmen die beiden die Verwaltung seines Grundbesitzes. Trotzdem hören sie nie ganz auf mit ihrem aufregenden Leben voller Abenteuer. Doch es endet tragisch, denn nachdem Ana bei einem Stierkampf schwer verletzt wird und stirbt, verkraftet ihre Freundin diesen Verlust nicht und stirbt schließlich vier Monate später.

Neben diesen liest man in dem Buch History vs. Women noch weitere spannende Geschichten wie jene von Doria Shafik, ägyptische Frauen*rechtsaktivistin, Trieu Thi Trinh, vietnamesische Freiheitskämpferin, Fatima al-Fihri, Gründerin der ältesten Universität in Fès, Murasaki Shikibu, Verfasserin des ersten Romans in der Geschichte, Maria Tallchief, Balletttänzerin aus einer Native American Familie, Bessie Stringfield, die auf ihrem Motorrad quer durch die USA reiste und die Biographien von vielen anderen beeindruckenden Frauen*.

Die Lebensgeschichten werden im Buch jeweils in den historischen Kontext eingebettet, der beschreibt welche Rollenbilder in der Gesellschaft vorherrschend waren. Es wird erklärt, wie den Frauen* durch die Gesellschaft ein Platz zugewiesen wurde, der sie in ihren Freiheiten und ihrer Entfaltung beschränkt. Packend und in poetischer Sprache geschrieben und mit sehr schönen, eigens für das Buch gezeichneten Portraits bebildert, zeigen die Biographien, wie sich diese Frauen* den gesellschaftlichen Erwartungen ihrer Zeit widersetzt haben, aus engen Strukturen ausgebrochen und selbstbestimmt ihren ganz eigenen Weg gegangen sind. Einen Makel in ihrem Buch gestehen die Autorinnen selbst ausdrücklich ein, wenn sie selbstkritisch darauf hinweisen, dass bei der Auswahl der Biographien ein gewisser Fokus gelegt wurde, der zu wenig über den Tellerrand der westlichen Welt hinausblickt.

Es ist zu spüren, dass die Autorinnen wohl Frauen* und Mädchen von heute dazu ermutigen wollen, sich nicht an einengenden gesellschaftlichen Erwartungen und Rollenbildern zu orientieren und ihr Leben lieber selbstbewusst in die eigenen Hände zu nehmen und das Abenteuer zu wagen. So schreiben die Autorinnen ganz zu Beginn in ihrer Widmung: „Für alle Frauen*, deren Geschichten nie erzählt, deren Lieder nie gesungen und deren Werke nie gefeiert wurden. Möge das Wissen über euer Leben ambitionierte Träume in neuen Generationen von Frauen* wecken, die niemals vergessen werden.“

Anita Sarkeesian & Ebony Adams: History vs. Women – the defiant lives that they don‘t want you to know (New York, 2018)

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