„Ich möchte auch mal wieder raus!“

COVID-19 und die Folgen: Beatmungspatient Benni Over ist seit vier Monaten in Quarantäne – und damit seine ganze Familie

Von Michael Wögerer

Benni Over aus Niederbreitbach (Rheinland-Pfalz) ist 29 Jahre jung und gehört dennoch der sogenannten Corona-Risikogruppe an. Denn Benni ist an einem schleichenden Muskelschwund, der sogenannten Duchenne Muskeldystrophie, erkrankt. Er sitzt im Rollstuhl und wird seit über drei Jahren beatmet. Gemeinsam mit seinen Eltern Connie und Klaus befindet er sich seit 24. Februar in freiwilliger Quarantäne, um sich vor der Ansteckung durch das neuartige Coronavirus zu schützen.

„Wir verzichten freiwillig auf alle bisherigen, externen Hilfen: den Intensiv-Beatmungspflegedienst, die ambulanten Hilfen und die Therapeuten. Diese Arbeit – neben den existierenden Hilfeleistungen für Benni wie Körperhygiene, Essen reichen, zu Bett bringen und vieles mehr – haben wir jetzt zusätzlich übernommen. Wir machen, so gut es geht, jetzt alles selbst. Auch die für Benni so wichtigen Therapien – Physio- und Atemtherapie – müssen jetzt virtuell via Facetime stattfinden. Am Abend fallen wir todmüde ins Bett. Die Belastung für uns alle kann man sich als Nicht-Betroffener schwer vorstellen“, schildert die Familie ihre Situation in einer Botschaft an die Außenwelt.

Nach über vier Monaten der Isolation, machen sich schlechte Stimmung, Frust, körperliche Beschwerden bei Benni aufgrund fehlender, professioneller Therapien und auch Wut breit. Direkte, soziale Kontakte fehlen. Denn Online-Therapien, Skypen oder Facetime können zwar überbrücken, aber das direkte, vertraute Gespräch auf Dauer nicht ersetzen.

„Wir müssen uns doch mit anderen Risikogruppen solidarisieren. Denn diese kommen kaum vor in der öffentlichen Diskussion oder in den Talk-Shows. Sie scheinen übersehen und vergessen worden zu sein“, kritisiert die Familie.

Es sei auffällig, dass bei „Illner, Will, Maischberger, Passberg, Lanz und Co“ die wirtschaftlichen Folgen von Corona weit oben auf der Agenda stehen oder Eltern zu Wort kommen, die sich nach gerade mal sechs Wochen einer Doppelbelastung mit Homeoffice und Home-Schooling aufregen dürfen –
und vehement einfordern, dass sie ihre Kinder endlich wieder in der Schule abgeben können. Leider aber finden Risikogruppen kaum bis gar nicht statt und wenn überhaupt, werden diese auf Menschen in Altenheimen reduziert.

Freiwillige Quarantäne & finanzielle Hürden

Benni Over (29) setzt sich seit Jahren für die Rettung der akut vom Aussterben bedrohten Orang-Utans und deren Lebensraum ein (Foto: Benni Over)

Entgegen mancher „Verschwörungs-Erzähler, die ja jede Krise nutzen, um ihre Geschichten zu erzählen und sich im Heer der Unzufriedenen mit ihren ’schlechten Märchen‘ befeuern“, wären die Overs sehr gerne bereit, „da draußen eine Schutzmaske zu tragen“. Solange es jedoch keinen Impfstoff gibt, müssten sie in Quarantäne bleiben.

„Wann kommt ein Impfstoff? Ich möchte auch mal wieder raus!“, ist Benni auf der Stirn abzulesen.

Unterdessen kämpfen sie in der Isolation auch mit finanziellen Problemen: Gemäß deutschem Recht (§40 Abs. 2 Sozialgesetzbuch XI) dürfen die Aufwendungen der Pflegekassen für zum Verbrauch bestimmter Pflegehilfsmittel (Schutzhandschuhe, -masken, Desinfektionsmittel, etc.) monatlich den Betrag von 40,- Euro nicht übersteigen. Dass die Besorgung dieser Mittel in März und April äußerst problematisch war, ist hinlänglich bekannt. Weil aber auch der Mittel-Anteil durch den sonst anwesenden Beatmungs-Intensiv-Pflegedienst entfiel und weil obendrauf die Preise für solche Produkte durch die Decke schossen, kamen auf die Overs erhebliche Mehrkosten zu.

„Unser Antrag bei der Krankenkasse auf eine effektive Abrechnung wurde mit Bezug auf das o.g. Gesetz abgelehnt. Eine Einzelfallentscheidung käme nicht in Frage“, zeigt sich die Familie enttäuscht. 

„Das alles müssen Politiker im Bundestag auch mal behandeln und das muss auch mal in die Talk-Shows“, meint Benni.

Trotz der schwierigen Situation, in der sich Benni Over befindet, will er sich mit anderen Risikogruppen solidarisieren und setzt sein langjähriges Engagement zur Rettung von Orang-Utans und deren Lebensraum unter den gegebenen Umständen fort. Nachdem seine Schulbesuche als Orang-Utan-Botschafter in diesem Jahr alle wegen Corona abgesagt werden mussten, bietet er online Live-Vorträge nicht nur für Schulen, sondern auch für Risikoeinrichtungen wie z.B. Alten- und Behindertenreinrichtungen an. Und auch wenn sich erste Ermüdungssymptome bemerkbar machen, setzt er seine Arbeit für Teil 2 seines Kinderbuches „Henry rettet den Regenwald“ fort, eine berührende, spannende und unterhaltsame Geschichte, in der der Orang-Utan-Waise Henry in die Welt aufbricht, um Verbündete zu finden, die ihm helfen, den Lebensraum für seine Artgenossen zu retten.

Titelbild: Benni wird von seiner Mutter behandelt. Online dazu geschaltet ist seine Therapeutin Katrin Weingarten (Foto: Privat)

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