Bernhards musikalische Rumpelkammer – September 2017

Der September 2017 war der vermutlich verrückteste Musik-Monat der letzten Jahre. Die schiere Menge an hochklassigen Neuveröffentlichungen hat irgendwann zur persönlichen Resignation geführt, alle gehörten Alben zu besprechen. Die Anzahl der besprochenen Releases zeigt allerdings bereits die musikalische Vielfalt des Spätsommers 2017: Neben der Übermacht der Rückkehr vieler legendärer Bands sind auch einige Hoffnungen für die Zukunft mit neuen Alben vertreten.

TOP 5

  1. Godspeed You! Black Emperor – Luciferian Towers
  2. Hot Water Music – Light It Up
  3. Casper – Lang lebe der Tod
  4. The National – Sleep Well Beast
  5. Propaghandi – Victory Lap

GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR sind nicht irgendeine Band. Das Kollektiv aus Montreal hat das Genre des Post Rock einerseits mitbegründet, andererseits bereits mit ihrem ersten Album gesprengt. Ihr neues Album „Luciferian Towers“ setzt den Weg seit der Wiedervereinigung 2010 reibungslos fort: Eine druckvolle, mächtige Produktion präsentiert epische Klangkosmen zwischen Erhabenheit, Verzweiflung und purer Schönheit. Auch wenn sie die Klasse ihrer früheren Alben nicht ganz erreichen, finden sich nach mehreren Hördurchgängen immer mehr Momente zum Niederknien.
Anspieltipp: 

[bandcamp width=100% height=120 album=233434656 size=large bgcol=ffffff linkcol=0687f5 tracklist=false artwork=small track=634940311]


HOT WATER MUSIC waren bereits zwei Mal so gut wie aufgelöst und haben sich daran anschließend eindrucksvoll zurückgemeldet. Nach einer fünfjährigen Pause kann auch ihr neues Album „Light It Up“ absolut überzeugen. Die Band aus Florida spielt weiterhin hemdsärmligen Punkrock, der als Vorlage etlicher Post-Hardcore-Bands gedient hat. Chuck Ragan und Chris Wollard garnieren die Musik mit ihren rauen Stimmen nach wie vor mit emotionalen, mitreißenden Texten. Das Ergebnis klingt wie ein Best Of, das die Produktion der frühen Tage in sich trägt.
Anspieltipp: 


CASPER hat sich für sein drittes Album „Lang lebe der Tod“ viel Zeit gelassen, allerdings eher unfreiwillig. Eine Mischung aus der erdrückenden weltpolitischen Lage und dem Kampf mit dem persönlichen Teufel Depression haben den Entstehungsprozess verschleppt. Das Ergebnis kann sich hören lassen: Fanfaren und Bässe im Stil von Kanye West treffen auf hymnische Chöre und süße Indiemelodien. Mehr Hip Hop als die beiden Vorgänger und gleichzeitig dennoch das musikalisch und textlich diverseste Album eines spannenden Künstlers.
Anspieltipp: 


THE NATIONAL waren noch nie eine Band, die für eine positive Grundstimmmung bekannt war. Ihr neues Album „Sleep Well Beast“ bildet keine Ausnahme: Der Baritongesang von Matt Berninger transportiert eine schon fast erdrückende Schwere, was sich im thematischen Verarbeiten von gescheiterten Beziehungen steigert. Musikalisch setzt die Band nach dem doch sehr ruhigen Vorgänger dieses Mal verstärkt auf Klaviertöne und umarmt in anderen Momenten ihre mitreißende, (indie-)rockige Seite.
Anspieltipp:


PROPAGANDHI sind die gute Seele politischen Punkrocks nord-amerikanischer Schule. Melodisch, treibend überrascht die Band trotz einer Geradlinigkeit immer wieder mit intelligentem und rhythmisch anspruchsvollem Songwriting. Ihr neues Album „Victory Lap“ rechnet mit den rechtspopulistischen Tendenzen der Politik Donald Trumps und weiteren sozialen Problemen ab. Die Nuancen der Musik offenbaren sich erst mit mehreren Hördurchgängen. Auch wenn das Album gelegentlich ein wenig aus der Zeit gefallen klingt, ist es ein notwendiges und überzeugendes linkes Statement.
Anspieltipp:


Außerdem:

Die BEATSTEAKS haben sich (zurecht) den Ruf einer der besten Livebands Deutschlands erspielt. Auf ihrem neuen Doppelalbum „Yours“ führen die Berliner ihre musikalische Entwicklung konsequent weiter. Während der wilde Punk früherer Tage nur noch selten aufblitzt, stehen die zunehmenden Einflüsse aus Reggae, Indie, HipHop und Soul der Musik hervorragend zu Gesicht. Leider schöpfen nicht alle Gastauftritte ihr volles Potential aus und auch die Entscheidung, 21 neue Lieder zu veröffentlichen führt zu einigen unspektakulären Momenten. Dennoch wächst das Album mit jedem Durchgang.

EA 80 sind eine der großen und gleichzeitig unbekannten Konstanten im Deutsch-Punk. Seit 1979 liefert die Band aus Mönchengladbach regelmäßig energetische Alben ab, die zwischen depressiven und melancholischen Momenten auch reichlich Wut in sich tragen. Auch ihr neues Album „Definitiv: Ja!“ kommt ohne Werbung oder Label aus. Große Überraschungen bleiben aus, dafür gibt es mehr hochklassigen Punk. Zwischen eingängigen und sperrigen Momenten ist auch der neueste Streich der Band ein Beweis dafür, dass sie noch lange nicht zum alten Eisen gehören.

GRAVE PLEASURES wildern musikalisch im Post Punk der 80er und ergänzen diesen durch einen häufig auch metallischen Einschlag. Ihr drittes Album „Motherblood“ (wenn man „Climax“ der Vorgängerband Beastmilk mitrechnet) erfüllt dabei alle Erwartungen, besitzt eine dreckige Produktion und ein unbestreitbares Melodiegespür. Die textliche Morbidität wird von tanzbarer Musik konterkariert und wirkt insgesamt ausgegorener und weniger aggressiver als das, bereits sehr tolle, Vorgängeralbum „Dreamcrash“.

COMEBACK KID sind eine der Vorzeigebands aus dem Bereich des modernen, melodischen Hardcore. Auf ihrem neuen Album „Outsiders“ wagen die Kanadier entsprechend auch keine Experimente, sondern liefern ein fett produziertes, mitreißendes Stück Musik ab. Dabei wechseln sich punkige, rifflastige Passagen mit langsamen Mosh-Parts ab. Wie immer kommt dem Gesang von Fronter Andrew Neufeld eine tragende Rolle zu, die auch auf „Outsiders“ überzeugt. Gut, dass es Bands gibt, auf deren qualitativ hochwertigen Output man sich verlassen kann.

BRIQUEVILLE besteht aus drei Mitgliedern, die sich hinter Masken verstecken und ihre Namen nicht preisgeben. Auf ihrem neuen Album „II“ lassen sie dafür ihre Musik sprechen: Heftige, monoton-repetitive Riffs, ohrenbetäubende Noise-Attacken, dreckige Sludge-Parts und verschleppte, dissonante Gitarrenmelodien treffen auf verzerrten, verstörenden Gesang und nur kurzzeitig in Sicherheit wiegende Drone-Passagen. Die drei Songs erzeugen eine beklemmende und gleichzeitig packende Sogwirkung, die einen gut durchgekaut nach fast 45 Minuten wieder ausspuckt.

WORRIERS, genauer Frontfrau Lauren Denetizio, hat in den letzte Jahren sowohl gesundheitlich als auch psychisch keine leichte Zeit gehabt. Ihr neues Album „Survival Pop“ ist eine Nachricht an ihr jüngeres Ich. Anstelle von Resignation dominiert eine hoffnungsvolle, lebensbejahende Stimmung. Der Kampf gegen die eigenen Dämonen, gegen gesellschaftliche Ungerechtigkeit und gegen einen politischen Rechtsruck wird in tanzbarem Indie-Rock mit Punk- sowie Emo-Einflüssen und intelligenten Texten dargeboten. Ein positiver Leuchtturm inmitten negativer Umstände.

ENTER SHIKARI sind der musikgewordene Irrsinn der 2000er. Nach ihrem Beginn im klassischem Emocore mit elektronischen Rave-Elementen hat sich die Band kontinuierlich weiterentwickelt. Mit „The Spark“ liefern die vier Briten nun ihr bisher stärkstes Werk ab. Mehr als nur knietief im Pop werden die elektronischen Elemente in den Vordergrund gestellt, der Schreigesang rückt zugunsten eingängiger Cleanparts in den Hintergrund. Das Album lädt über weite Strecken mit einem 80s-Synthie-Charme zum Tanzen ein und ist musikalisch dennoch abwechslungsreich.

THE WORLD IS A BEAUTIFUL PLACE & I AM NO LONGER AFRAID TO DIE fallen nicht nur durch ihren langen Bandnamen auf. Auf „Always Foreign“ findet die Band immer mehr zu ihrem Sound: Perlende Melodien, sehnsüchtiger Gesang, fiepsende Synthies und große Flächen treffen auf emotionale Ausbrüche und herzzerreißende, poetische Texte. Unter den vielen tollen Bands, die das Emo-Revival der letzten Jahre hervorgebracht hat, ist TWIABP vermutlich die spannendste – und auf jeden Fall diejenige, die das Wort „bittersweet“ am besten zu vertonen weiß.

LIRR liefern mit „god’s on our side; welcome to the jungle“ eine musikalische Wundertüte ab. Stilistisch im Post-Hardcore angesiedelt, werden hier ohne Rücksicht auf etablierte musikalische Grenzziehungen Elemente aus Indie Rock, Shoegaze und R’n’B kombiniert. Das Ergebnis wirkt dabei zu keiner Sekunde willkürlich, sondern bildet ein kohärentes, packendes Ganzes. In unter 30 Minuten wird zwischen Falsettgesang und verzweifeltem Kreischen eine mitreißende Bandbreite emotionaler Musik dargeboten.

CHELSEA WOLFE ist die ungekrönte Königin des verschrobenen, düsteren Gothic Rock. Auf ihrem neuen Album „Hiss Spun“ badet sie ihre beschwörerische, verhallte Stimme in verschleppten, sludgeigen Riffs und fuzzigen Gittarensoli. Das Zusammenspiel zwischen Gesang und Musik erzeugt eine durchgängig unruhige, fast albtraumhafte Stimmung, die sich nie so wirklich entladen will. Die dadurch erzeugte Anspannung macht „Hiss Spun“ unglaublich sperrig, gleichzeitig aber auch zu einem faszinierenden Hörerlebnis.

DÄLEK haben das, was gerne Crossover genannt wird, schon vor vielen Jahren auf ein qualitativ anderes Niveau gehoben. Ihr politischer, aggressiver Rap war schon zu Beginn in verwaschenen und scheppernden Drone-Klängen eingelagert. Auf ihrem neuen Album „Endangered Philosophies“ sind entsprechend kaum Melodien oder einprägsame Momente vorhanden. Stattdessen dominiert eine beklemmende, unruhige Atmosphäre, die mehr mit Avantgarde und Doom zu tun hat als mit Rap und doch unbestreitbar – extrem guter – Hip Hop ist.

CELESTE sind vertonter Hass, musikalische Aggression und ästhetische Hässlichkeit. Einflüsse aus Post-Hardcore, Punk, Black Metal, Sludge und Doom vermengen sich zu einem zähflüssigen, kochenden Brei, der in seiner abstoßenden Erscheinung dennoch fasziniert. Nach einigen hochklassigen Alben setzt die Band ihr Schaffen konsequent fort und streut auf „Infidèle(s) mit minimalistischen Melodien und hier und da versprengten Momenten zum Durchatmen einige neue Akzente. Dabei setzt sich kein Song vom großen Ganzen ab, was allerdings Teil des Konzepts ist.

WOLVES IN THE THRONE ROOM werden zu gleichen Teilen gehasst und geliebt. Während Black-Metal-Puristen die Musik der US-Amerikaner als Öko- und Hipster-Kram abtun, lassen sich andere gänzlich in die Atmosphäre ihrer Musik fallen. Nach einem Ausflug in Ambientgefilde beeindruckt die Rückkehr zum Black Metal auf „Thrice Woven“: Atmosphärische Flächen treffen auf bedrohliche Riffs, sägende Gitarren auf schöne Melodien. Der liebliche Gesang von Anna von Hausswolff sowie die eindringliche Stimme von Steve Von Till als Gastmusiker ergänzen die Stimmung des Albums perfekt.

MISSSTAND spielen klassischen Deutschpunk der alten Schule. Was das Treibende und Melodische angeht, leihen sich die jungen Musiker einiges bei Pascow. Ihr Drei-Akkorde-Rezept geht dabei voll auf. Wie es das Genre so an sich hat, wird zwar auf „I Can’t Relax In Hinterland“ nicht sonderlich viel Abwechslung geboten, aber das ist auch gar nicht nötig. Neben einigen Rückkehrern und Konstantnen ist in diesem Genre auch dank solcher Bands auch für die nächsten Jahre mit starkem Output zu rechnen.

SLIME veröffentlichen im Jahr 2017 eine neue Platte. „Hier und Jetzt“ ist das, was man erwarten konnte: solider, teilweise überzeugender, teilweise musikalisch eher platter Deutschpunk mit linkspolitischen Texten. Auch wenn häufig Parolen dominieren, ist der Kern der hier getätigten Aussagen gerade aufgrund der politischen Situation extrem wichtig. Dabei überraschen die Punker sogar mit Rap-Features und Sitar-Klängen. Schließlich liefern sie mit „Die Geschichte des Andreas T.“ einen der besten Song ihrer Karriere und die vielleicht beste Deutsch-Punk-Nummer des Jahres ab.

MOGWAI haben auf den letzten Alben zwar nicht enttäuscht, konnten sich aus der Masse unzähliger Instrumental-Rock-Bands allerdings vornehmlich aufgrund ihres legendären Namens abheben. Ihr neuester Streich „Every Country’s Sun“ spielt nun alle Stärken ihrer späteren Phase aus. Auch wenn Wall Of Sounds und die Ausbrüche früherer Tage ausbleiben, lässt der verstärkte Einsatz von Synthies und die Rückkehr von Gesang ein überzeugendes 80s-Feeling aufkommen. Dabei setzt die Band aus Schottland ganz auf eine kohärente Albumatmosphäre.

MYRKUR liefert mit ihrem zweiten Album eine präzisere und vor allem stimmiger komponierte Fortführung ihres Debüts. Auch wenn die zum Black Metal gewechselte Pop-Sängerin Szenepuristen weiterhin ein Dorn im Auge bleiben dürfte, ist ihre Mischung aus epischen, verträumten Flächen und sägenden Riffs eine unglaublich dichte, atmosphärische Angelegenheit. Ihr lieblicher Gesang wechselt sich mit heiserem Krächzen ab. Lediglich eine etwas druckvollere, mächtigere Produktion hätte den epischen Songs noch besser zu Gesicht gestanden.

ROSETTA bewegen sich irgendwo zwischen Post Rock, Progressive Rock und Post Metal. Dabei dominieren große Flächen, verhallte Gitarren und eingängige Harmonien das Klangbild, das von tief im Sound vergrabenen Gesang und tiefem Geschrei untermalt wird. Immer wieder brechen die Gitarren aus, immer arbeiten sich die Songs in schwindelerregende Höhen empor. Das Rad wird dabei sicherlich neu erfunden, was der überzeugenden, teilweise wunderschönen Atmosphäre aber keinen Abbruch tut. Ein bisschen mehr Finesse im Songwriting hätte „Utopioid“ noch besser gemacht.

MACKLEMORE legt mit „Gemini“ sein zweites Solo-Album vor. Stilistisch ist der Unterschied zu seinen beiden Platten gemeinsam mit Produzent Ryan Lewis allerdings kaum auszumachen. Es dominieren beschwingte, gut gelaunte Beats und Melodien, die von eingängigen Hooklines vieler Gäste ergänzt werden. Der Rap macht Spaß, die Themen behandeln Probleme der weißen Mittelschicht und tun niemandem weh. Wer Tiefgang, experimentelle Songs oder technische Finesse erwartet, ist hier sicherlich falsch. Fans von melodisch-poppigem Rap werden mit „Gemini“ aber viel Spaß haben.

PROPHETS OF RAGE stehen für unbequeme Musik in unbequemen Zeiten. Mitglieder von Rage Against The Machine haben sich unter diesem Namen mit Mitgliedern von Public Enemy und Cypress Hill zusammengetan. Das selbst betitelte Debüt kann die Erwartungen an eine derartig hochkarätige politische Supergroup allerdings nicht erfüllen. Die Riffs klingen wie weniger aggressive Überbleibsel aus dem RATM-Backkatalog, die Produktion ist erschreckend glatt und drucklos und auch der Gesang vermag die doch recht platten, wenn auch inhaltlich richtigen Parolen nicht durchsetzen.

Bernhard Landkammer schreibt auch für metal1.info. Dort könnt ihr weitere Rezensionen und teilweise ausführlichere Meinungen zu den hier besprochenen Alben lesen.

Bisher:

Titelbild: Bernhard Landkammer/Unsere Zeitung

close

Trag dich ein!

Du erhältst jeden Montag die aktuellen Artikel kostenlos in Deine Mailbox.

Wir versprechen, dass wir keinen Spam versenden! Impressum

Artikel teilen/drucken:

Empfohlene Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.