Make Selbstorganisation great again!

Jung, flexibel, dynamisch: Arbeitsverhältnisse haben sich im Neoliberalismus enorm gewandelt. Was bedeutet das für konkrete Praxen der Selbstorganisation? – Sonntag ist Büchertag

Von Pia Probst / kritisch-lesen.de

Bei der Suche nach einer erschwinglichen Wohnung, einer existenzsichernden Lohnarbeit, einem würdigen Platz zum Altern, einem Ort der Fürsorge für die eigenen Kinder oder in Auseinandersetzung mit staatlichen Behörden – allen voran der Arbeitsagentur und den Jobcentern – haben wir mit den Folgen neoliberaler Umgestaltungsprozesse zu kämpfen. Die post-fordistische Arbeitsorganisation, Privatisierung des Sozialstaates, globale Konkurrenz, nationale Standortpolitiken, repressive Migrationsregime und rassistische, sozial-darwinistische Begleit-Ideologien prägen Gesellschaft und Individuen. Sie erschweren eine gemeinsame Organisierung von Betroffenen. Gleichzeitig entwickeln sich neue Ansprüche an Arbeit und Leben – vor allem in Bezug auf Geschlechterarrangements und Arbeitsinhalte. Es entstehen neue Fähigkeiten zur Selbstorganisation, neue Akteure, mögliche Koalitionen und Felder für Bewegungen. Was bedeutet dies für die heutigen sowie kommenden Praxen sozialer Selbstorganisation?

„Selbstorganisation…“ ist ein Sammelband, dessen Beiträge aus einer Veranstaltungsreihe des Instituts für sozialökonomische Handlungsforschung (Social Economic Action Research Institute, SEARI) in Bremen 2005/2006 hervorgegangen sind. Unter dem Titel „Vom Interesse zum Bedürfnis – Neue Inhalte und Formen sozialer Selbstorganisation“ wurde in diesem Rahmen gefragt, wie es zur neoliberalen Umgestaltung der Gesellschaft gekommen ist, wie sie auf Gesellschaft und Individuen wirkt, was dies für die heutigen sowie kommenden Praxen sozialer Selbstorganisation bedeutet und was „neue soziale Bewegungen“ beziehungsweise neue Formen sozial widerständiger Selbstorganisationen – auch in Abgrenzung von den „alten“ – ausmachen könnte. Der Band führt theoretische Analysen und praktische Beispiele für Formen der Selbstorganisation mit dem Ziel zusammen, aus ihren Erfolgen und Problemen zu lernen.

Selbstorganisation und Gesellschaftstransformation

Es ist den Herausgebern hoch anzurechnen, dass sie sich schwierigen und oft umgangenen Fragen zuwenden: Wie können die Formen der Selbstorganisation sozialen Widerstandes aussehen, wenn sie über die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse hinausführen wollen? Und was hat das mit Subjekten (ihrem Bewusstsein, ihrem Handeln) zu tun?

Dabei haben sie eine Vorstellung davon, wie diese Subjekte und Arten der Selbstorganisation beschaffen sind: Es geht um „ein Subjekt, das dabei ist, sich von […] in Stellvertretung agierenden Massenorganisationen zu emanzipieren“ (S. 10), das sich an eigenen Bedürfnissen orientiert, selbstbestimmt und sich seiner gesellschaftlichen Macht und Widerständigkeit bewusst ist. Die praktischen Versuche der Selbstorganisation, die im zweiten Teil des Buches thematisiert werden, kennzeichnet ihr Bemühen, sich nicht von Institutionen (gemeint sind vor allem Gewerkschaften) und Kapital vereinnahmen zu lassen. Alternative Praktiken orientierten sich „an der Frage, inwieweit sie Bedingungen für eine Transformation der kapitalistischen Gesellschaftsformation in sich tragen“ (S. 11).

Ob das NCI-Netzwerk bei Siemens (Network for Cooperation and Initiative, Beitrag von Inken Wanzek) solche alternativen Praktiken bietet, hängt vom optimistischen Blick der LeserInnen ab: Es vernetzt von Stellenkürzung Bedrohte, die sich gegenseitig unterstützen und sich dadurch von der Stellvertreterpolitik durch Gewerkschaften und Betriebsrat lösen können. Sie sprechen über Gefühle, Ängste und haben im Zuge der Selbstorganisation ein solidarisches Bewusstsein für die Nöte der anderen Beschäftigten entwickelt – durchaus Ansatzpunkte für eine gesellschaftliche Transformation. Gleichzeitig wird die Begrenztheit des Netzwerkes, das nur auf betrieblicher Ebene aktiv ist und die kapitalistische Einbettung nicht thematisiert, deutlich.

Die französischen Sud-Gewerkschaften, die Willi Hajek vorstellt, sprengen hingegen in ihrer Programmatik das traditionelle Gewerkschaftsverständnis, sprich: nur über Bedingungen der Lohnarbeit zu verhandeln und nicht über Lohnarbeit im Kapitalismus an sich. Sie begreifen und erfahren Lohnabhängige als gesellschaftliche ProduzentInnen, auf der „Suche nach authentischem Arbeiten, Forschen und Leben […], das nicht auf Kosten anderer geschieht, das gesellschaftlich nützlich ist und auch bei dem Produzierenden Zufriedenheit schafft“ (S. 157). Lohnabhängige werden über die Grenzen von Berufsgruppen hinaus angesprochen, zum Beispiel nicht nur LehrerInnen, sondern alle BildungsarbeiterInnen. Die Sud-Gewerkschaften organisieren sich basisdemokratisch in vielen Gesellschaftsbereichen (Agentur für Arbeit, Landwirtschaft, Verkehr, Gesundheit/Pharmaindustrie, Post/Telekom/Kommunikation). Mit ihrem nicht-kapitalistischen Blick auf Arbeit und dem Zusammenführen formal getrennter Berufsgruppen in einer gemeinsamen Organisation verkörpern die Sud-Gewerkschaften alternative Praktiken mit dem Ziel einer Gesellschaftstransformation. Leider beschränkt sich ihre Darstellung auf einige wenige Seiten und bleibt an der Oberfläche. Es ist unklar, wie basisdemokratische Organisation hier konkret ausgestaltet und wie die gesellschaftliche Wirkkraft ist, mit welchen Problemen sie konfrontiert sind, welche Gruppen sie real organisieren. Insgesamt leidet die Darstellung unter einem Pathos, der von der Konstruktion des Beitrages herrührt, in dem deutsche etablierte Großgewerkschaften neuen, französischen Kleingewerkschaften gegenübergestellt werden.

Die Subjekte der Veränderung

Besonders erhellend und interessant sind die Beiträge dort, wo es um die Subjekte der Veränderung geht. Holger Heide spricht von einer „verdrängte[n], strukturell gewordenen Angst, die Folge eines kollektiven Traumas ist, das in Jahrhunderten der gewalttätigen Durchsetzung des Kapitalismus entstanden ist und immer wieder reproduziert und dabei verstärkt wird“ (S. 35). Sie durchdringt uns alle. Angst und Trauma gehen mit der Identifikation mit den Machtausübenden und ihrer Interessen einher und erfordern die permanente Unterdrückung der eigenen Ängste, die sich unter anderem in der Aggression gegenüber (vermeintlich) Schwachen äußert. Der historischen und aus der Traumaforschung hergeleiteten Begründung struktureller Angst im Kapitalismus mag man folgen oder auch nicht: Schließlich erzeugt das kapitalistisch verfasste Wirtschafts- und Gesellschaftssystem tagtäglich aufs Neue Erfahrungen von existenzieller Unsicherheit und Repression. Wesentlich ist die Schlussfolgerung Heides: Soziale Kämpfe und ihre Organisationen werden nur dann nachhaltig weiterbestehen, wenn sie nicht nur abstrakte Interessen formulieren, sondern sich mit den Bedürfnissen der Einzelnen auseinandersetzen. „Um die eigenen Bedürfnisse kennen zu lernen, ist eine Offenheit erforderlich, sich mit der tief verdrängten Angst auseinanderzusetzen. Dies ist ein Lernprozess, in dessen Verlauf sich die Gründe für Angst real verringern“ (S. 51). Die Offenheit zeigt sich in den Programmen, internen und öffentlichen Diskussionen, der Organisationsweise selbst und im Umgang miteinander, der in dieser neuen Art von kooperativer Organisation entwickelt wird.

Und tatsächlich zeigt sich diese Orientierung auf Bedürfnisse und die damit verbundenen – teils schmerzhaften Lernprozesse – in unterschiedlichen anti-kapitalistischen und kapitalismuskritischen Projekten, zum Beispiel in nicht-kommerzieller Landwirtschaft, Hausprojekten, Kollektiven sowie auch im Interesse an unterschiedlichen Methoden gewaltfreier Kommunikation. Beispiele dafür finden sich in der Broschüre „Ich tausch nicht mehr, ich will mein Leben zurück“ oder – akademisch geadelt – im Buch von Friederike Habermann „Halbinseln gegen den Strom“ (2009). Eine Orientierung auf Bedürfnisse zeige sich jedoch, so Holger Heide in seinem zweiten Beitrag, genauso bei Selbsthilfegruppen, die keinen explizit gesellschaftsüberwindenden Anspruch formulieren, wie bei den Anonymen Alkoholikern. Für eine konkrete Praxis der Selbst- und Gesellschaftstransformation lassen sich zwei Dinge mitnehmen: Zum einen führt das Eingeständnis der eigenen Machtlosigkeit zur Wiedererlangung von Handlungsfähigkeit. Zum anderen schafft die Organisations- und Kommunikationsform die Bedingung für Offenheit: nicht-hierarchisch, finanziell unabhängig, ehrenamtlich (das heißt: nicht-bürokratisch), die Einzelwahrheiten und Selbsteinschätzungen anerkennend, im Sprechen bei sich bleibend.

Auch Michael Danner befasst sich mit dem Subjekt der Gesellschaftstransformation und zwar aus einer sozialphilosophischen Perspektive. Der Autor geht davon aus, dass in Prozessen der Selbstreflektion die Gründe des Handelns, Denkens und Fühlens erkannt werden können und es damit möglich wird „aus einem nunmehr bewussten Grund heraus freie gesellschaftliche Zusammenhänge zu gründen“ (S. 110). Anstatt wie der Autor ein zuversichtliches Postulat ohne Praxisbezug zu formulieren, sollte es jedoch bei der Suche nach anderen Formen der Selbstorganisation darum gehen, genau das – Handeln, Denken und Fühlen – jedes für sich ernst zu nehmen. Ein Beispiel aus der Praxis dafür: Sich aus bewussten, politischen, rational reflektierten Gründen für eine gemeinsame Ökonomie mit GenossInnen zu entscheiden, in der Einkommen und Vermögen geteilt werden, bedeutet noch lange nicht, dies auch als gerecht zu empfinden. Daran knüpft die Frage an, inwieweit die bewussten, neuen „Gründe“ unabhängig von der Gesellschaft, „die doch in uns hineingewachsen ist“ (S. 110) nachhaltig bestehen können. Das gilt auch für die Formen der Organisation: Inwiefern sind sie in ein kapitalistisches Gesellschaftssystem verstrickt und begrenzt letzteres eventuell Prozesse der Selbstreflektion? Ein Hausprojekt zum Beispiel, das rechtlich als Verein auftritt, wird in staatliche und ökonomische Logiken hineingezogen: Es muss sich plötzlich mit Ordnungsämtern auseinandersetzen, Vereinsberichte an staatliche Behörden schreiben, Gemeinnützigkeit begründen, eine ordentliche Buchhaltung führen, wird in städtische Aufwertungsprozesse einbezogen und anderes mehr. Mit dieser praktischen Ebene befasst sich Michael Danner leider nicht.

Selbstorganisation im Postfordismus

Während Holger Heide auf Inhalte und Form von Kommunikation abhebt, werfen andere Autoren die Frage auf, inwiefern sich die postfordistischen Formen der Arbeitsorganisation auf selbstorganisatorische Widerstandspraxen auswirken. Zum einen stellen einige Autoren „die hohe Fähigkeit von Selbstorganisierung“ (Martin Dieckmann, S. 204) heraus, welche mit den neuen Formen indirekter Steuerung von Arbeit in betrieblichen Kontexten einhergeht. Lars Meyer etwa schreibt, es müssen Ziele gesetzt und Mittel gewählt, es muss kooperiert und kommuniziert, ausgehandelt und Entscheidungsprozesse strukturiert werden. Sergio Bologna zufolge prägen die sogenannten neuen Selbständigen eine „humanistische, multidisziplinäre Sicht auf die Dinge“ (S. 184). Zum anderen akzeptiert die „neue Arbeitssubjektivität […] den irrationalen Zweck der Produktion“ (S. 80). Zugleich können sich die neuen Arbeitsformen den Zwängen der (Selbst-)Verwertung nicht entziehen. Sie münden oft in eine „selbst gewählte prekäre Existenz, [die] nur für wenige eine lebbare Perspektive bedeutet“ (S. 210). Darüber hinaus verweist Dirk Hauer zu Recht auf die sozialen Hierarchien, die rassistischen, sexistischen und sonstigen Spaltungen, die eben auch die neue Arbeitswelt prägen und gemeinsamen Widerstand erschweren.

Als Fazit lässt sich festhalten, dass es sich um einen inspirierenden Sammelband handelt, der bezüglich der Blickwinkel auf Selbstorganisation und auch Schreibstile sehr unterschiedliche Artikel vereint. Erfrischend ist vor allem die Erkenntnis, dass sich nachhaltiger Protest und Widerstand auch mit seinen/ihren TrägerInnen und ihrer Verfasstheit, das heißt ihren Bedürfnissen, Gefühlen, Denken und Handeln befassen muss. Die Reflektionen über aktuelle sozio-ökonomische Entwicklungen (etwa von Athanasios Karathanassis) und Formen der Arbeitsorganisation, über die sich dabei entwickelnden Fähigkeiten zum selbst-bestimmten Organisieren sowie über sozial-psychologische und -philosophische Grundlagen kollektiver Widerständigkeit regen zum Nachdenken über neue Formen der Selbstorganisation an.

Leider gibt es einige Leerstellen, die problematisch sind: Ausgerechnet die Darstellung der praktischen Versuche kommt zu kurz. Nur die Darstellungen des NCI-Netzwerkes, der Genossenschaftsbewegung und der Anonymen Alkoholiker geht auch in die Tiefe der konkreten Organisationsform. Darüber hinaus beziehen sich alle Beispiele, außer das der Anonymen Alkoholiker, auf das Feld der Lohnarbeit, wo es doch Projekte mit transformatorischen Anspruch in zahlreichen Lebensbereichen gibt. Schade ist auch die in allen Beiträgen dominierende Gleichsetzung von gesellschaftlichen mit ökonomischen Verhältnissen, womit weitere Herrschaftsverhältnisse wie Sexismus und Rassismus, welche die Produktionsverhältnisse durchziehen, weitgehend ausgeblendet werden. Nur Lars Meyer und Dirk Hauer erwähnen zumindest deren Relevanz für post-fordistische Formen von Arbeit, Subjektkonstitution und Widerstand. Sich mit Herrschaftsverhältnissen zu befassen, hat jedoch in vielerlei Hinsicht praktische Relevanz: Zum Beispiel, wenn es um Hierarchien innerhalb selbstorganisierten Widerstandes geht, um die Frage, wer sich mit wem solidarisch zeigt (und kämpft) oder um die Vision einer zukünftigen Gesellschaft.

Sergio Bologna / Michael Danner / Willi Hajek / Holger Heide / Athanasios Karathanassis / Lars Meyer (Hg.):
Selbstorganisation. Transformationsprozesse von Arbeit und sozialem Widerstand im neoliberalen Kapitalismus.
4. Auflage, 2015
Die Buchmacherei, Berlin.
ISBN: 9783000213960.
214 Seiten. 12,00 Euro.

Der Beitrag erschien zuerst am 10. Oktober bei unserem Kooperationspartner kritisch-lesen.de unter der Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz.

Titelbild: Organize! (pixabay.com; public domain)

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